Medien-Apps auf dem iPad im Vergleich - Struktur und Navigation

14.04.2010
Im ersten Teil unserer Serie über Medien-Apps für das iPad hatten wir uns den derzeit eingesetzten Layout-Konzepten>> gewidmet.

In diesem zweiten Artikel geht es um die grundsätzlichen App-Strukturen (analog zu Sitemaps online) und die Navigation innerhalb dieser Strukturen. Erneut wird uns deutlich werden, wie sehr die einzelnen Apps noch von Ihren "Eltern", d.h. dem jeweiligen Print- oder Online-Produkt geprägt sind.

Und leider grüßt ein lästiger Bekannter aus längst vergangenen Tagen: Das Flash-Intro (auch wenn diese für das iPad natürlich nicht in Flash programmiert wurden).

Auferstehung von den Toten - Intros

Apps wie die von Reuters oder Men's Health "begrüßen" den Nutzer mit aussagelosen Darstellungen des eigenen Firmenlogos und widersprechen damit Apple's Usability Guidelines für Apps, die eine vereinfachte Darstellung der App empfehlen.

Noch schlimmer macht es Paris Match, die nicht nur für einige Sekunden (gefühlte drei Stunden) das eigene Logo einblenden, sondern danach eine inhaltsleere Animation mit Musikuntermalung einspielen.

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Etwas weniger schlimm kommen die Magazin-Apps daher, die ihren aktuellen Print-Titel einblenden und den Leser somit auf die Ausgabe einstimmen und zudem eine Inhaltsangabe der wichtigsten Themen präsentieren. iPad_Bilder_comp10.jpg

Ob das nun der Weisheit letzter Schluss für Magazin-Apps sein wird, muss sich zeigen, aber immerhin lassen sich diese Titelbilder sofort beiseite wischen und man kann mit dem eigentlichen Lesen beginnen.

Startseiten: Informativ oder gefühlig?

So wie Print-Magazine ihr gewohntes Titelbild in die App "importieren" weichen auch Apps, die sich eher aus einer Website oder einer Zeitung heraus entwickelt haben eher wenig von den dort entwickelten Konzepten ab. So präsentieren New York Times (Editor's Choice), das Wall Street Journal und USA Today Ableitungen klassischer Homepages. Diese ähnelt im letzteren Fall jedoch eher einem Dashboard und auch die Startseite der New York Times beschränkt sich auf einige wenige Top-Themen.
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Man fühlt sich an die Anfänge des Webs erinnert, wenn man sich die AP-App anschaut. Vor einem Hintergrund mit verwaschen aussehender Textilstruktur werden locker über den Screen verteilt mehrere Artikel, eine Bildergalerie und ein Video präsentiert. Bei letzteren fehlt ein erklärender Text, so dass unverständlich bleibt, worum es in der Bildergalerie bzw. im Video geht und die Bilder der Artikelteaser sind so stark horizontal geschnitten, dass reihenweise die Köpfe auf den Bildern nicht zu sehen sind. Anfängerfehler, die auch mit der kurzen Entwicklungszeit nicht zu erklären sind.

Neue Wege gehen die Apps von NPR und Reuters, die auf den ersten Blick eine an Homepages angelehnte Startseite bieten. Auf der NPR-Startseite scrollt man jedoch innerhalb der drei Sektionen news, arts & life und music horizontal durch die angebotenen Texte und Audio-Dateien, während die Reuters-Startseite sowohl das vertikale Scrollen von Sektion zu Sektion ermöglicht wie auch das horizontale Scrollen ermöglicht.

Diese Konzepte versuchen damit, sich den neuen Navigationsmöglichkeiten der Touch-Oberfläche anzupassen. Zumindest das Scrollen auf der Reuters-Startseite mutet ein wenig konfus an, aber erst die intensive Nutzung dieser Apps dürfte zeigen, wie gut diese Navigationskonzepte im Alltag genutzt werden können. Löblich ist allerdings bereits der Versuch, über die von Websites bekannten Navigationskonzepte hinaus zu gehen.

Navigation von Seite zu Seite

Unterhalb bzw. jenseits der Startseite setzen sich die oben angesprochenen Unterschiede, die auf die unterschiedliche Herkunft der Apps zurückzuführen sind fort.

Die Paris Match-App oder auch die Zeitungs-Apps von Le Monde und Welt (iKiosk) unterstützen den Leser kaum bei der Suche nach bestimmten Sektionen. Die Seiten werden sequenziell dargestellt.

Erleichtert wird die Navigation mittels durchblätterbarer Übersichtsleisten, die sich entweder in der Mitte des Screens (iKiosk) oder am unteren Rand (Paris Match, Time, Le Monde öffnen). Jedoch sind die Schriftgrößen der Sektionskennungen vor allem bei der Welt so gering, dass man kaum erkennen kann, welche Seiten man vor sich hat.
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Time unterteilt diese Übersichtsleiste immerhin in eine Seiten- und eine Sektionsleiste, so dass der Leser mit letzterer von Sektion zu Sektion springen kann.
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Mit klassischen Ressortübersichtsseiten ganz nach Newssite-Art warten daher Online-Ableger wie z.B. die Bloomberg-App auf.
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Das iPad bietet gegenüber dem iPhone eine native Möglichkeit, zwischen Sektionen zu springen - den Pop-overs. Dieses sind im Prinzip Menüs, die sich durch Klick auf einen Button öffnen und eine einfache Liste zur Auswahl von Sektionen anbieten. Gestalterisch nicht sonderlich aufregend, aber einfach zu implementieren und einfach in der Nutzung. Apps wie die von Reuters oder NPR nutzen diese Funktion.
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Blättern innerhalb von Artikeln - horizontal oder vertikal?

Auf Websites hat sich in den letzten Jahren ein simpler Standard dafür entwickelt, wohin sich ein Artikel erstreckt, der über den ersten Screen herausragt: nach unten, erreichbar durch vertikales Scrollen (einige Sites fügen dann weiter unten noch eine Blätterfunktion ein).

Bei den Apps gibt es noch keinen solchen Standard. In der einen App muss der Nutzer nach unten, in der anderen nach rechts scrollen bzw. "wischen", um den Artikel zu Ende zu lesen. Und in der vertikalen Lösung wird zudem noch unterschieden zwischen vertikalem Scrollen (z.B. NPR) und vertikalem Blättern (z.B. Time).

Hatte ich mich vor Erhalt des iPad noch gefragt, was ich für die bessere Lösung halten würde gibt es für mich nach wenigen Tagen der Nutzung einen klaren Sieger: Innerhalb des Artikels von oben nach unten (egal ob Scrollen oder Blättern), von Artikel zu Artikel jedoch durch einen Left-Swipe.

Bildergalerien folgen in ihrem Navigationskonzept dem aus dem iPhone bekannten Standard, mit dem man mittels Left-Swipe von Bild zu Bild gelangt. Leider bieten nur wenige der getesteten Apps diese Funktion auch als Inline-Bildergalerie an, mit der man bereits im Artikellayout durch Swipes ein Bildergalerie durchblättern kann, ohne sie sofort in den Vollbild-Modus öffnen zu müssen.

Im Gegensatz dazu können Videos in der Regel bereits als Inline-Videos angesehen und erst bei größerem Interesse im Vollbild-Modus gestartet werden.

Wie bereits in der Analyse der Layout-Varianten im vorherigen Artikel wird deutlich, wie sehr sich die Entwickler bei der Entwicklung der Apps an bekannten Strukturen und Prozessen orientiert haben.

Das Ganze mutet daher an wie die Anfänge der Eisenbahn oder des Automobils, in denen die ersten Fahrzeuge stark Pferdekutschen ohne Pferde ähnelten. Wie in diesen Industrien auch wird es vermutlich noch etwas dauern, bis sich emanzipierte Struktur- und Navigationskonzepte entwickeln, die den Möglichkeiten der Tablet-Computer mit Touch-Bedienung gerecht werden.


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